Das Experten-Netzwerk der Co-Erfinder
   und Co-Autoren der
BiPRO Normen

 

Kundenlogin

 
 
 
Das Maklersystem der Zukunft hat den Prozess im Fokus
Ein harter Verdrängungswettbewerb mit stagnierenden bis rückläufigen Umsätzen aus Courtagen und höheren Anforderungen an die Qualität der Beratung zwingen unabhängige Vermittler, ihre Arbeitseffizienz zu erhöhen. Durch einen erhöhten Kostendruck gewinnt die Optimierung der täglichen Arbeitsabläufe zunehmend an Bedeutung. Der Makler muss seine Geschäftsprozesse unter Kontrolle bringen. Keine leichte Aufgabe, denn er wird mit zahlreichen unterschiedlichen Prozessen je Geschäftspartner und einer heterogenen Systemlandschaft konfrontiert. Ein Verwaltungsprogramm kann entscheidend zur Erhöhung der Arbeitseffizienz beitragen. Aber wie sieht ein solches System in Zukunft aus? Auf welcher Technologie wird es basieren und wie werden die Geschäftsprozesse des Maklers künftig automatisiert? Welche Rolle spielen dabei Normen wie die des BiPRO e. V.?

Nüchtern und abstrakt betrachtet, besteht der Zweck eines jeden Unternehmens darin, Leistungen zu erzeugen, die die Bedürfnisse der Kunden befriedigen. Die Vermarktung dieser Leistungen sichert den wirtschaftlichen Erfolg. Dies gilt auch für Versicherungsmakler.

Das Unternehmen des Maklers erstellt Leistungen für den Kunden in Geschäftsprozessen, die wiederum in Teilprozesse zergliedert sind. Ein Prozess besteht aus einer Reihe von Arbeitsschritten, die im Regelfall von unterschiedlichen Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Anwendungen erbracht werden. Je besser diese Arbeitsschritte aufeinander abgestimmt sind, desto effizienter arbeitet ein Versicherungsmakler für seine Kunden und desto geringer sind die Kosten.

Die Herausforderung besteht also darin, die Prozesse so aufeinander abzustimmen, dass das Ergebnis die Wünsche, Anforderungen und Erwartungen der Kunden erfüllt und zugleich die Kostenquote senkt. Dieses Management von Geschäftsprozessen verursacht in der Praxis jedoch oft erhebliche Schwierigkeiten. Damit zählt das Geschäftsprozessmanagement zu den erfolgskritischen Faktoren eines professionellen Maklerunternehmens. Der Makler muss mit zahlreichen Versicherungsunternehmen und Partnern möglichst effizient zusammen arbeiten. Keine leichte Aufgabe, denn er sieht sich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Prozesse je Geschäftspartner und einer heterogenen Systemlandschaft konfrontiert.

Die Assekuranz im Wandel: Industrialisierung und Konsolidierung

Betrachtet man den gesamten Versicherungsmarkt, lässt sich schnell erkennen, dass sich die Anforderungen an ein effizientes Management von Geschäftsprozessen in der Zukunft nicht nur für Vermittler, Vertriebe und Pools deutlich erhöhen werden. In der Deutschen Versicherungswirtschaft vollzieht sich derzeit ein gravierender Wandel. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich die Assekuranz auf dem Weg der Industrialisierung und in einer Phase nachhaltiger Konsolidierung. Insbesondere die Einführung der EU-Vermittlerrichtlinie bzw. die Reformierung des Versicherungsvertragsgesetzes verdeutlichen, wie schnell z. B. rechtliche Veränderungen zu komplexeren Prozessen führen und ein vernachlässigtes Geschäftsprozessmanagement zur Belastung – insbesondere für kleine und mittelständische Häuser – werden kann. Ein Faktor, der bereits zur Konsolidierung des Marktes beigetragen hat und weiter beitragen wird. Zahlreiche Versicherungsmakler werden in den nächsten Jahren aufgeben müssen. Wer von ihnen überlebt, hängt stark von der Effizienz seines Arbeitens ab.

Anders als noch in der Vergangenheit konzentrieren sich die Unternehmen der Assekuranz heute zudem mehr und mehr auf ihre Kernkompetenzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Durch Verringerung der innerbetrieblichen Arbeitsteilung und verstärktes Outsourcing entwickeln sich zunehmend differenzierte Wertschöpfungsketten. Immer weniger Leistungen werden durch die Unternehmen selbst erbracht. Nach dem Vorbild der weit entwickelten Automobilindustrie werden Produkte und Dienste bezogen und Teilprozesse ausgegliedert. Dadurch erhöhen sich jedoch die Komplexität der (unternehmensübergreifenden) Geschäftsprozesse und die Anforderungen an das Management dieser Prozesse. Verständlich, denn künftig müssen nicht mehr nur interne Mitarbeiter und Systeme in den Geschäftsprozess integriert werden, sondern vermehrt auch Prozesse, Systeme und Mitarbeiter anderer Unternehmen.

Im Maklermarkt lässt sich diese Entwicklung bereits an der wachsenden Bedeutung von Pools erkennen. Sie übernehmen für den Versicherungsmakler Aufgaben wie z. B. Backoffice-Tätigkeiten, Dokumentation, Archivierung und Softwareplanung bis hin zur Entwicklung von Deckungskonzepten und der Verhandlung mit Produktgebern. Für den Makler stellt sich dies als eine Art Outsourcing seiner primären oder sekundären Geschäftsprozesse dar.

Die Rolle der IT im Geschäftsprozessmanagement

Leistungsfähige Technik ist wichtig und einer der Erfolgsfaktoren für ein effizientes Management von Geschäftsprozessen. Besondere Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die sich seit wenigen Jahren vollziehende Evolution von traditionellen IT-Anwendungen hin zum so genannten Web Service-Paradigma. Dieser Wandel wird sich Analysten zufolge als der größte Fortschritt in der vergleichsweise noch jungen Geschichte des E-Business heraus stellen. Er ist vergleichbar mit dem Übergang von der Einzelfertigung zur Fließbandherstellung in der Automobilindustrie. Die Fertigung ist dort heute weitgehend automatisiert. Zentrale Leitstände steuern Fertigungsstraßen und spezialisierte Roboter, die bestimmte Teilaufgaben im Fertigungsprozess übernehmen.

Analog dazu werden Geschäftsprozesse in der Versicherungswirtschaft künftig vermehrt über so genannte Business Process Management Systeme (BPMS) gesteuert. Transportiert werden anstelle von Autos Informationen in Form von Daten und Dokumenten. So genannte Web Services repräsentieren die einzelnen Arbeitsschritte, die im Rahmen des Geschäftsprozesses erbracht werden müssen. Aufgrund ihrer Kapselung sind sie i. d. R. wiederverwendbar und können dadurch Bestandteil mehrerer Prozesse sein. Sie übernehmen klar abgegrenzte Aufgaben und entsprechen den Robotern in der Fertigung von Automobilen. Web Services verfügen nicht über für Menschen bedienbare grafische Benutzeroberflächen, sondern werden über technische Schnittstellen repräsentiert, die von unterschiedlichen Anwendungen über das Internet genutzt werden können.

Mit anderen Worten: Web Services stellen einem Geschäftsprozess einzelne Funktionen bzw. Teilprozesse über technische Schnittstellen zur Verfügung, die von dahinter liegenden Systemen ausgeführt werden. Dadurch dass ihre Nutzung über das World Wide Web erfolgt, eignen sie sich besonderes für einen Einsatz in unternehmensübergreifenden Geschäftsprozessen. Denn über Web Services lassen sich zahlreiche Leistungen über System- und Unternehmensgrenzen hinweg mit überschaubaren Aufwänden von Dritten beziehen (Outsourcing).

Über den Geschäftsprozess werden verschiedene Systeme (Services) integriert

Neue Geschäftsabläufe lassen sich durch eine Trennung zwischen Ablaufsteuerung (Business Process Management System = BPMS) und Funktionsausführung (Web Service) einfacher gestalten. Vorhandene Abläufe lassen sich flexibler an sich schnell verändernde Märkte und Kundenbedürfnisse anpassen. Das Marktforschungs- und Beratungshaus Gartner prägte hierfür den Begriff „Realtime-Enterprise“. Echtzeit-Unternehmen sind in der Lage, Geschäftsprozesse flexibler zu handhaben und mit Geschäftspartnern und Kunden konsistent und unternehmensübergreifend zu integrieren. Ihnen gelingt die Fokussierung auf ihre Kernkompetenzen in hohem Maße, während sich weitgehend in die Prozesse des Unternehmens eingebundene Zulieferer auf ausgewählte Teilprozesse konzentrieren können.

Anders als noch vor Jahren wird dabei die systemzentrische Denkweise zugunsten einer prozessorientierten aufgegeben. Man geht demnach zunehmend davon aus, dass es nicht länger ein einziges System (z. B. das Bestandsführungssystem oder das Vertriebssystem) geben muss, in dem optimalerweise Prozesse automatisiert werden. Stattdessen übernimmt eine Prozessplattform die Automatisierung von Geschäftsprozessen durch eine Verkettung einzelner Services. Diese werden von unterschiedlichen Systemen mit verschiedenen Kernkompetenzen bereit gestellt, über Web Service-Technologien angesprochen und so in den Geschäftsprozess integriert. Dabei ist es (technisch) irrelevant, ob einzelne Services vom Unternehmen selbst entwickelt und betrieben oder von einem externen Dienstleister bereit gestellt werden. In der Informationstechnologie vollzieht sich derzeit eine Evolution zu einer „Mehr-Ebenen-Architektur“, in der die Prozessführung von der Funktionsausführung getrennt wird.

Evolution der IT-Architekturen

Geschäftsanwendungen in der Zukunft

Neben der Trennung zwischen Ablaufsteuerung und Funktionsausführung durch den Einzug von Prozessebenen gibt es einen weiteren nachhaltigen Technologie-Trend: Rich Internet Applications (dt.: reichhaltige Internet-Anwendungen, kurz RIA). Hierbei handelt es sich um Anwendungen mit einer komfortablen grafischen Benutzeroberfläche, die im Gegensatz zu herkömmlichen Desktop- bzw. Windows-Anwendungen in jedem beliebigen Internet-Browser lauffähig sind. Sie sind im Grunde genommen lediglich eine besondere Art von Webseite.

Im Unterschied zu herkömmlichen Webseiten verhält sich eine Rich Internet Application jedoch wie eine traditionelle, auf dem PC des Nutzers installierte Software. Der Anwender hat nicht länger den Eindruck eine klassische Website zu bedienen, sondern arbeitet wie mit einer üblichen Windows-Anwendung. Funktionen wie Drag & Drop, Copy & Paste und Tastaturkürzel stehen ebenso zur Verfügung wie bewegte Bildschirmsequenzen, benutzerfreundliche Menüs und sich dynamisch aufbauende Ergebnisse. Und auch das im klassischen Internet eher unschöne und bei Mausklick teils langwierige Warten auf das Laden einer Webseite wird durch das dynamische Laden einzelner Bildschirmbestandteile abgelöst.

RIAs basieren auf modernsten Internet-Technologien und lassen sich heute – was Funktionalität, Aussehen und Bedienung anbelangt – kaum noch von klassischen Anwendungen auf dem PC des Nutzers unterscheiden. Die Bedienung ist ergonomisch und komfortabel. Nur noch wenige Hürden müssen fallen, bis sich diese Art der Internet-Programme in Intranets bzw. Extranets von Firmen und generell in internetbasierten Geschäftsanwendungen etablieren werden. Die wesentlichen Vorteile: Es entfallen Auslieferung und Installation des Programms auf dem PC des Anwenders, die Time To Market für veränderte Abläufe, Erweiterungen und Fehlerbeseitigungen verkürzt sich, und der technische Support wird minimiert. In der Folge reduzieren sich die Kosten deutlich. Der Anwender kann die Software an jedem Ort auf der Welt und zu jeder beliebigen Zeit nutzen. Alles was er dazu benötigt ist ein Internet-Browser und einen Zugang zum World Wide Web. Die rasante Etablierung mobiler Internetzugänge mit leistungsfähigen Datenverbindungen führt dazu, dass sich Anwender künftig zunehmend online befinden (always on). Sie verlagern ihre Arbeit weitestgehend in das Netz und arbeiten nahezu ausschließlich mit onlinebasierten Geschäftsanwendungen. Ein weiterer Vorteil: RIAs lassen sich hervorragend mit Business Process Management Systemen und den ebenfalls internetbasierten Web Services (siehe oben) kombinieren und stellen eine komfortable Benutzeroberfläche für die ansonsten benutzeroberflächenlosen technischen Schnittstellen bzw. Services dar.

Die Rolle der Standardisierung im Geschäftsprozessmanagement

Im Zuge der Paradigmenwechsel in der IT und der Rationalisierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen, gewinnen die Begriffe Wiederverwendbarkeit und Normierung zunehmend an Bedeutung. Betrachtet man die Entwicklungen des Marktes und die Rolle der Informationstechnologie im Geschäftsprozessmanagement, lässt sich bereits erahnen, welche bedeutende Rolle prozessorientierte Standards in der Versicherungswirtschaft einnehmen werden. Und genau hier setzt die Brancheninitiative Prozessoptimierung – kurz BiPRO – an. Die Normen des BiPRO e. V. haben das Potenzial, einen wesentlichen Beitrag zur Industrialisierung der deutschen Assekuranz im Allgemeinen und zur Optimierung der Prozesse zwischen Vermittlern und Versicherungsgesellschaften im Speziellen zu leisten. Auf der anderen Seite werden sie voraussichtlich zur Konsolidierung des Marktes beitragen. Stellen sie sich vor, sie produzieren einen Stecker für Elektrogeräte und berücksichtigen nicht die DIN-Norm 49440/441 (Schuko-Stecker). Stattdessen bevorzugen sie eine eigene Variante. Was glauben Sie? Wie oft wird sich dieser zwar außergewöhnliche, aber nicht normgerechte Stecker verkaufen, wenn er nicht in standardisierte Steckdosen passt? Oder anders gefragt: Was wird geschehen, wenn sich Unternehmen der Assekuranz langfristig und nachhaltig einer Standardisierung entziehen?

Die Entstehung der BiPRO-Idee

Die Brancheninitiative Prozessoptimierung entstand am 9. Dezember 2004: Vor zahlreichen Entscheidungsträgern aus der Versicherungsbranche rief der so genannte „DüsseldorferKreis“ (Gründerkreis) die deutsche Assekuranz öffentlich auf, sich an einer branchenweiten Initiative mit dem Namen BiPRO zu beteiligen.

Monate zuvor startete bereits ein Projekt des Assekuranz Marketing Circle (AMC), das Versicherungsgesellschaften, Verbände, Makler und Dienstleistungsunternehmen zum Thema Prozessoptimierung an einen Tisch brachte. Im Projekt sollten die Prozesse zwischen Maklern und Versicherungsgesellschaften untersucht und auf Optimierungspotenziale überprüft werden.

Interviews und Funktionswertanalysen mit Versicherungsmaklern bestätigten, dass sich durch eine Optimierung der Prozesse zwischen ihnen und den Versicherungsunternehmen Rationalisierungspotenziale erschließen lassen, durch die die administrativen Kosten allein auf Seiten der Makler um vermutlich 30 Prozent gesenkt werden könnten. Darüber hinaus bestätigten die befragten Makler, dass die Prozesskompetenz eines Versicherers neben seinem Produktportfeu und dem Courtagemodell ein immer wichtiger werdendes Entscheidungskriterium für die Auswahl passender Geschäftspartner darstellt. Diese Erkenntnisse deckten sich mit internen Analysen der am Projekt beteiligten Versicherungsunternehmen.

Das Projekt brachte zudem die Erkenntnis, dass Rationalisierungspotenziale insbesondere durch Automatisierung von Prozessen zu realisieren sind. Eine effektive Prozessoptimierung durch Automatisierung ist dabei im Wesentlichen über ein kooperatives Handeln aller am Prozess beteiligten Marktteilnehmer zu erzielen. Dies setzt voraus, dass sich alle Parteien unternehmensübergreifend verständigen können, also eine gemeinsame Sprache sprechen. Schnell entwickelte sich die Erkenntnis, dass fachliche und technische Normen die Grundlage für effiziente Prozesse bilden, insbesondere wenn sie Unternehmensgrenzen oder sogar Wertschöpfungsketten überschreiten. Ebenso schnell entwickelte sich jedoch auch die Einsicht, dass die Versicherungswirtschaft – anders als andere Branchen – nicht über die notwendigen prozessorientierten fachlichen und vor allem technischen Standards verfügte.

Aus diesen Ergebnissen entwickelte sich die Idee zur Gründung einer branchenweiten Initiative mit dem Anliegen, die unternehmensübergreifenden Prozesse zwischen den Marktteilnehmern der Assekuranz (zunächst vordringlich im Bereich der unabhängigen Vermittler) durch den Einsatz modernster Integrationstechnologien und Konzepte zu optimieren.

Viele Unternehmen der Assekuranz hatten in der Zwischenzeit von der geplanten Gründung einer Brancheninitiative erfahren und sich dem so genannten Unterstützerkreis angeschlossen. Aus diesem Kreis bildete eine kleine Gruppe aktiver Unternehmen und Personen einen Initiativkreis. Der so genannte „DüsseldorferKreis“ hatte sich konstituiert und bestand aus Vertretern von Versicherungsgesellschaften, Herstellern von Maklersoftware und Dienstleistern. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die ersten konkreten Projekte zur Schaffung offener Branchennormen zu organisieren. Parallel dazu sollte die Gründung einer neutralen Non-Profit-Organisation vorbereitet werden, die die Normen festlegt und sichert, die Rechte verwaltet und alle Beteiligten koordiniert.

Um schnell handlungsfähig zu sein, nahm im Frühjahr 2005 ein weiteres Projekt unter dem Namen „BiPRO – Brancheninitiative Prozessoptimierung“ die Arbeit auf. Erste Normen und ein organisatorischer Rahmen für die Weiterentwicklung und Verwaltung des Standards sollten entwickelt werden. Gut ein Jahr später lagen die ersten Ergebnisse vor und wurden in den im Frühjar 2006 gegründeten BiPRO e. V. überführt. Namhafte Versicherungsgesellschaften, Hersteller von Makler- und Tarifvergleichssoftware, Vertriebe und Pools sowie Software-Hersteller und Beratungshäuser wurden Mitglied des Vereins. Sie entwickeln in gemeinschaftlichen BiPRO-Projekten offene, d. h. linzenzfreie Branchennormen aus und für die Assekuranz. Hierbei handelt es sich im Wesentlichen um Prozess- und Datenstandards, die helfen sollen, die unternehmensübergreifenden Geschäftsprozesse zwischen den Marktteilnehmern hochgradig zu automatisieren. Dadurch sollen die Administrationskosten gesenkt, die Kunden- und Geschäftspartnerbindung erhöht und in der Folge die Erträge aller Parteien gesteigert werden. Hin und wieder herrscht fälschlicherweise die Auffassung, BiPRO sei eine Art technische Plattform, ein Intermediär oder eine Clearingstellung. Diese Auffassung ist falsch. BiPRO ist eine neutrale Standardisierungsorganisation ohne Gewinnerzielungsabsicht und definiert lediglich fachliche und technische Normen. Der BiPRO e. V. tritt selbst nicht als Dienstleister im Markt auf, entwickelt und betreibt auch keine Software. BiPRO ist vergleichbar mit dem DIN, das die Eigenschaften eines DIN A4-Blattes in einer Norm regelt, jedoch nichts zur Maschine definiert, die benötigt wird, um ein normkonformes DIN A4-Blatt zu produzieren.

Die BiPRO-Normen: Automatische Prozesse auf Basis einer SOA

Die Normen des BiPRO e. V. basieren auf modernsten fachlichen und technischen Konzepten. Sie bilden die Grundlage für eine Automatisierung und Optimierung von Prozessen im Rahmen eines Business Process Managements (BPM) auf Basis einer technologisch modernen Service-Orientierten-Architektur (SOA).

In einer SOA gibt es drei Rollen: Ein so genannter Service Provider bietet Prozesse an und macht sie über eine systemneutrale technische Schnittstelle, einem Web Service, für den so genannten Service Consumer steuerbar. Über einen Service Broker kann ein Service Consumer die Angebote (Services) eines Service Providers auffinden.

Versicherungsgesellschaften bieten als Service Provider Business Services an
Im Kontext der BiPRO sind (derzeit) insbesondere die Systeme der Versicherungsgesellschaften solche Service Provider. Versicherer bieten auf ihren eigenen Rechnern (den Internet-Servern) so genannte Business Services nach BiPRO-Norm an. Hierbei handelt es sich um Web Services, über die beispielsweise die Tarifierung einer Kompositversicherung, der Abruf eines Versorgungsvorschlages für eine Lebensversicherung oder ein VVG-konformer Vertragsabschluss in der privaten Krankenversicherung technisch realisiert werden können. BiPRO hat bereits eine ganze Reihe derartiger Business bzw. Web Services standardisiert. So lassen sich die Prozesse Tarifierung, Angebot/Vorschlag und Antrag für nahezu alle privaten Versicherungssparten als BiPRO Business Services realisieren. Die Prozesse, technischen Schnittstellen und auszutauschenden Daten bzw. Dokumentenarten (nicht jedoch die eigentlichen Versicherungsprodukte) sind durch BiPRO normiert und daher für den Nutzer dieser Services bei unterschiedlichen Versicherungsgesellschaften gleich.

Vertriebs- und Kooperationspartner nutzen Business Services als Service Consumer
Diese Business Services werden von den Service Consumern technisch angebunden. Im Kontext der BiPRO sind (derzeit) insbesondere Systeme von Vertriebsgesellschaften und Maklerpools sowie Hersteller von Bestandsführungs- und Tarifvergleichssystemen für Makler Nutzer der Business Services.

Für die Anbindung der Services benötigt der Service Consumer sowohl fachliche als auch technische Informationen. So muss er beispielsweise wissen, welche Prozesse der Business Service anbietet und welche Daten an welchen Rechner des Service Providers in welcher Form übergeben werden müssen. Bei den Daten handelt es sich im Wesentlichen um eine Auswahl der durch BiPRO standardisierten Datenfelder. Ergänzend kann ein Service Provider jedoch auch eigene Datenfelder modellieren, z. B. wenn die Erfassung der Haarfarbe (nicht standardisiert) bei einer Person (durch BiPRO standardisiert) beispielsweise für die Durchführung einer Tarifierung relevant wäre. In einem solchen Fall gibt die BiPRO-Norm der Versicherungsgesellschaft standardisierte Regeln vor, wie eine derartige Individualisierung zu beschreiben ist. Beachtet der Service Provider diese Regeln, kann eine Service Consumer die individuellen Ausprägungen später automatisch analysieren, ohne dass hierzu eine Software angepasst werden muss. So wird es nach standardisierten Regeln ermöglicht, z. B. individuelle Produkteigenschaften abzubilden.

Daneben braucht der Service Consumer Details darüber, was der Anbieter des Business Service als Ergebnis zurück liefert und welches Verhalten der Service im Fehlerfall zeigt. Außerdem gilt es, die Sicherheitsanforderungen des Service Providers für den Business Service zu erfüllen.

Wurde ein Service vollständig nach BiPRO-Norm gestaltet, können sämtliche Informationen, die ein Service Consumer zur Nutzung eines Services benötigt, aus einer Textdatei, der so genannten WSDL-Datei (Web Service Description Language) entnommen werden. Hierbei handelt es sich um eine Schnittstellenbeschreibung, die für Menschen und Maschinen lesbar ist und durch BiPRO standardisiert wurde. Jeder Service eines Service Providers ist in einer solchen Datei exakt beschrieben. Sie kann auf den Rechnersystemen des Service Providers über das Internet öffentlich eingesehen und abgerufen werden.

Geschäftspartner finden sich über ein Verzeichnis
Um eine solche WSDL-Datei aufzufinden bedient man sich in der Praxis (derzeit) meist einer bilateralen, herkömmlichen Kommunikation zwischen Versicherungsgesellschaft und Vertriebs- bzw. Kooperationspartner (z. B. per Telefon oder E-Mail). Der Versicherer teilt seinem Geschäftspartner eine Internet-Adresse mit, unter der seine Schnittstellenbeschreibung zum jeweiligen Business Service eingesehen und abgerufen werden kann.

Alternativ können die Schnittstellenbeschreibungen zzgl. weiterer Informationen wie z. B. Angaben zum Anbieter des Business Service und den fachlichen und technischen Ansprechpartnern im Unternehmen auch in einem Verzeichnis, dem so genannten UDDI-Server (Universal Description Discovery and Integration) hinterlegt werden. Hierbei handelt es sich um eine Art „Google für Web Services“. Ein Verzeichnis kann genutzt werden, um Service Provider und ihre verfügbaren Business Services sowie deren Schnittstellenbeschreibungen aufzufinden. Die Abfrage eines solchen Verzeichnisses kann entweder über einen Internet-Browser oder rein technisch über eine Schnittstelle erfolgen. Eine BiPRO-Norm regelt, wie ein solches Verzeichnis aufgebaut sein muss, will ein Service Provider oder ein Dienstleistungsunternehmen es betreiben.

In den ersten Entstehungsjahren der BiPRO-Norm wurde unter dem Verzeichnisdienst hier und dort fälschlicherweise ein technischer Intermediär für den Datenaustausch verstanden. Diese Auffassung ist falsch. Der tatsächliche Austausch von Geschäftsdaten und Dokumenten erfolgt bilateral zwischen dem Vermittlersystem (Service Consumer) und dem System des Versicherers (Service Provider), i. d. R. ohne dass ein technischer Mittler dazwischen geschaltet ist. Ein Verzeichnisserver dient – wie der Name vermittelt – lediglich dazu, Services in ein Verzeichnis zu publizieren und für potenzielle Nutzer auffindbar zu machen.

Nutzung von Business Services durch die Geschäftspartner der Versicherer
Auf Grundlage der Schnittstellenbeschreibung eines Business Service entwickelt der z. B. Vertriebs- bzw. Kooperationspartner der Versicherungsgesellschaft oder ein Hersteller von Maklersystemen eine Software, die die Anforderungen des Service Providers für die Nutzung des jeweiligen Service erfüllt. Danach kann das System des Vermittlers direkt mit dem System des Versicherers über das Internet kommunizieren. Der Vermittler selbst nimmt diese technische Interaktion i. d. R. nicht wahr, denn die Ein- und Ausgaben werden von seiner eigenen Anwendung übernommen. Er sieht die bekannten Benutzeroberflächen seiner Software, die wiederum im Hintergrund Daten und Dokumente mit dem System des Versicherers austauscht. Die Kommunikation zwischen den Systemen erfolgt also für den Vermittler völlig transparent. Da die technische Schnittstelle genormt ist, kann das System des Vermittlers nun auch mit anderen Versicherern kommunizieren, die ihre Prozesse BiPRO-konform gestaltet haben.

Geschäftsprozesse gestalten durch Verkettung von Business Services
BiPRO normiert einzelne Web Services, die bestimmte Prozesse eines Versicherungsunternehmens (z. B. Tarifierung, Vorschlag/Angebot, Antrag) z. B. für Vertriebs- und Kooperationspartner der Gesellschaft steuerbar machen. Solche Services sind i. d. R. wiederverwendbar und können Bestandteil mehrerer Geschäftsprozesse sein.

Ein weiteres Beispiel für einen Service ist der so genannte Security Token Service (STS). Sobald eine Versicherungsgesellschaft den Zugriff auf einen Business Service (z. B. für den Vertragsabschluss) auf bestimmte Nutzer beschränken möchte, benötigt er hierfür eine Authentifizierung. In diesem Fall muss sich der Makler beispielsweise durch Angabe seines Benutzernamens und Kennwortes beim Versicherer identifizieren, bevor er den eigentlichen Prozess (z. B. Vertragsabschluss) ausführen kann. Für diesen Fall stellt die Versicherungsgesellschaft dem System des Maklers neben dem Business Service einen weiteren BiPRO Web Service – den so genannten STS – zur Verfügung.

Das System des Vermittlers wird also über eine Eingabemaske zunächst Benutzername und Kennwort beim Makler abfragen und diese Angaben anschließend im Hintergrund an den Security Token Service des Versicherers senden. Sind die Benutzerdaten gültig, stellt das System der Versicherungsgesellschaft eine so genannte Session zur Verfügung. Hierbei handelt es sich um eine für genau diesen Anwender eindeutige, alphanummerische Kennung (Session-ID), anhand derer der Nutzer für eine gewisse Zeit (z. B. 30 Minuten) beim Versicherer eindeutig identifiziert werden kann. Das System des Maklers überträgt diese Session-ID anschließend bei der Nutzung des Business Service, damit der Makler identifiziert werden kann. So kann der Versicherer überprüfen, ob der gewünschte Prozess von diesem Makler ausgeführt werden darf.

Zusammenspiel einer Rich Internet Application (RIA) mit einem Business Process Management Systeme (BPMS) und BiPRO Services bei einer Tarifierung

Für einen automatischen Geschäftsprozess müssen also i. d. R. mehrere (zunächst) voneinander unabhängige Services in der richtigen Weise miteinander verkettet werden. Wie genau eine solche Verkettung von Services zu erfolgen hat, um Geschäftsprozesse durch eine Verbindung einzelner Services zu automatisieren, wird ebenfalls in den Normen des BiPRO e. V. beschrieben. BiPRO-Normen bilden also die fachliche und technische Grundlage für ein effizientes Management von Geschäftsprozessen im Rahmen eines Business Process Managements (BPM) auf Basis einer Service-Orientierten-Architektur (SOA).

Fazit: Integration heißt die Herausforderung der Zukunft

Der Makler muss seine Arbeitseffizienz erhöhen, will er in einem harten Verdrängungswettbewerb bei sinkenden Umsätzen und erhöhtem Kostendruck überleben. Er muss seine Geschäftsprozesse optimieren. Dies geschieht hauptsächlich durch eine Automatisierung von Prozessen in einem System. Das Maklerverwaltungsprogramm (MVP) der Zukunft ist aber kein „System“ im klassischen Verständnis mehr, sondern eine Plattform, die den Geschäftsprozess im Fokus hat und unterschiedliche Systeme in Form von Services integriert.

Für den Versicherungsmakler stellt sich diese Prozessplattform als webbasierte Geschäftsanwendung in Form einer Rich Internet Application (RIA) dar, die in seinem Internet-Browser abläuft. Vergleichbar mit dem Leitstand in der Automobilindustrie fungiert diese Anwendung als Steuerzentrale für die Geschäftsprozesse des Maklers. Sie basiert auf einem Business Process Management System (BPMS), das die Prozesse des Maklers durch eine Verkettung von Web Services automatisiert. Diese Services werden i. d. R. von zahlreichen spezialisierten Anbietern wie z. B. von Tarifvergleichern, MVP-Herstellern, Versicherungsgesellschaften und Dienstleistungsunternehmen angeboten und in den Geschäftsprozess des Maklers integriert. Die Web Services als solche basieren hochgradig auf BiPRO-Normen, wodurch sich der Aufwand für die Integration in den Geschäftsprozess eines Maklers auf ein Minimum reduziert und sich Arbeitsabläufe bei unterschiedlichen Geschäftspartnern gleichen. BiPRO-Normen ermöglichen so eine effiziente Integration unterschiedlicher Systeme und Partner und erleichtern den Fremdbezug von Leistungen.

Autor

b-tix Experte Markus HeussenMarkus Heussen ist Gründer und Geschäftsführer der b-tix GmbH, einem Unternehmen mit Kernkompetenz BiPRO. Als Experten-Netzwerk bündelt das Unternehmen Know How rund um die Normen des BiPRO e. V., erbringt spezialisierte Service- und Supportdienstleistungen und entwickelt Software für BiPRO-Normen.

Heussen ist Mitbegründer des „DüsseldorferKreis“, der Vorläuferorganisation des heutigen BiPRO e. V. Im Jahr 2005 leitete er das erste BiPRO-Projekt „Tarifierung, Angebot und Antrag SHU“, in dem weite Teile der heutigen fachlichen und technischen Normen entwickelt wurden. Bis zu Konstituierung des Vereins im Jahr 2006 leitete er zusätzlich den Bereich Technik der BiPRO und wechselte anschließend in den Normungsausschuss, dem er bis heute stellvertretend vorsitzt. Seit 2008 berät er den BiPRO e. V. als freier Unternehmensberater bei der Normbildung.

Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.

Dieser Beitrag ist dem Buch „Maklerverwaltungsprogramme der Zukunft“ entnommen.

Diesen Beitrag als PDF-Dokument herunterladen

 

Fragen? Kontaktieren Sie uns

Ihr Name *

Ihre Firma

Ihre E-Mail-Adresse *

Ihre Telefonnummer

Ihre Nachricht *

Bitte rechnen Sie aus Spamschutz *
3 + 6 =